Wie baut man ein Floß aus Müllschluckerspeiseresten?

Es gibt schon Flöße und es gibt auch schon Flöße in Berlin. Richtig geile sogar. Wir haben einfach SOFORT angefangen mit ALLEN zu reden: Mit den Floßbaumeistern der Wackelberry [ http://bootschaft.org ], der An:arche [ kulturfluss.org ], der Zola, der Rockfisch, der Nuria und der Ziggy. Mit Marcel Lorenz dem Bootsbauer, mit Materialspezialisten (für Epoxide, Faserverbundwerkstoffe), mit Floßkünstlern von der Lohmühle und mit den Machern der open-islands [ www.open-island.de ] in Berlin. Mit der Materialmafia und mit den Jungs von der ALBA. Und natürlich mit lauter unkooperativen Schnarchnasen sowie verschiedensten Sesselfurzersorten. Bis auf die Letztgenannten sind wir jedem einzelnen Gesprächspartner dankbar! Ohne Eure Hilfe wären wir nicht da, wo wir heute schon sind! Ziemlich schnell ist uns in diesen Gesprächen klar geworden, wo die Problem- und Gefahrenzonen, also sozusagen die Orangenhaut und die Weichteile, eines Floßes sitzen. Was man dagegen tun kann, hat Google uns freundlicherweise nach ein paar wilden Nächten heftigen Frage-Antwort-Spiels gesagt. Aber sowohl mit unseren als auch mit Googles Freunden gibt es ein Problem:
Auf ein und dieselbe Frage antwortet der eine „Passt schon!“ und der andere „Vergiss es!“. Es führt also kein Weg daran vorbei, sich in die Materie einzunerden und Entscheidungen letztlich selbst zu treffen.

Relativ bald stellt sich auch heraus, dass das, was wir bauen wollen, nautisch betrachtet gar kein klassisches Floß, sondern ein Katamaran ist. Welche Proportionen muss so ein Katamaran-Floß haben? Wieviel Auftrieb braucht man ungefähr? Werden wir ein Rolls Royce, ein Porsche oder ein Trabi? Wo liegt der Mittelweg zwischen Wollsockenlösung aus Europaletten, Kanistern und nem Kilometer Schnur auf der einen, und Karbon, Mehrkomponentenkleber und aqua-dynamischen und -statischen Simulationen auf der anderen Seite? Der Witz ist, dass wir das nicht planen können. Wir arbeiten mit gebrauchten Materialien.Vorhandenes Material bestimmt Konstruktion, nicht: Konstruktionsplan bestimmt Material. Ganz ohne planen geht es aber nicht. Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen planen, überlegen, suchen, finden, ändern … und irgendwann am Ende dann MACHEN.

Es hat genau einen Monat gedauert, da bekam einer von uns einen Anruf: „Hey, ich hab gehört ihr baut ein Floß? Können wir Dir ein paar Fragen stellen?“ „Fragen? MIR? ….äh klar, kein Problem, wat willste wissen?“ Das war der Punkt wo wir gemerkt haben, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ein Floß aus Müll, geht das?Na klar! Denn das, was wir so nebenbei als Müll bezeichnen, sind eigentlich meterlange Holzbohlen, Stahlträger oder Aluschienen. Wenn es aber erst einmal den Müll-Stempel trägt, dann wirkt es plötzlich nutzlos und man geht in den Baumarkt.
Mit dem notwendigen Idealismus in den Segeln kann man natürlich ein paar Baustellen plündern, Sperrmüll einsammeln oder den Keller ausräumen. Ok, aber effizient gedacht: Wo landet das Zeug normalerweise, wo ist das Nest? Auf Abfallhöfen und bei Recyclingunternehmen!
Berge über Berge über Berge voller … Baumaterial! Unser Highlight: die Jungs von den ALBA Höfen. Zunächst skeptisch, stellen sie sich schnell als interessiert, hilfreich und meganett heraus. Sie haben uns unsere Schwimmkörper (alte Plastiktanks) rausgesucht, Holz (Dielen, Paletten, Lattenroste) geht auch klar und die Berliner Metallschrotthöfe haben schon Stahlträger für unsern Unterbau reserviert.

Die Kombination dieses Recycling-Berges mit der nautischen Katamaranliteratur ergibt:

  • Der Abstand zwischen den Mittellinien der Schwimmkörper sollte zur Länge in einem Verhältnis von 0.4 oder größer sein, um Welleninterferenz zwischen den Schwimmkörpern zu verhindern (siehe ABB.1).

  • Das Floß sollte mindestens doppelt so lang wie breit sein, sonst ist es nicht manövrierfähig. Bei Breite geht es hier um den Abstand der Mittellinien der zwei Schwimmkörper voneinander. (ABB. 2)

  • Ein einzelner Schwimmkörper ist 70cm hoch, 60cm breit, 8m lang. Wir machen den Mittellinienabstand in 3.2m, dann haben wir genau das gesuchte Verhältnis von 0.4(=3.2/8). Insgesamt sind wir also 3.2+0.6m = 3.8m breit.

  • Das Verhältnis von Länge zu Breite der einzelnen Schwimmkörper charakterisiert das Floß. Mit dem Verhältnis von 8/0.6=13.3 fallen wir in die Kategorie „Racer/Cruiser“. Und genau da wollen wir hin. ☺ Verhältnisse ab ca. 12 (wir 13.3) machen angeblich kaum Bugwellen. Das bedeutet wir sind schnell und machen wenig Wellen.

  • Das macht gerade in Anbetracht der durch Wellengang unterspülten Uferbefestigung des Landwehrkanals sehr viel Sinn!

  • Die Maximalgeschwindigkeit in Verdrängerfahrt („Rumpfgeschwindigkeit“ oder „Hull speed“) hängt von der Länge der Schwimmkörper ab. Mit unseren 8 m Länge haben wir (bei entsprechender Motorisierung) eine Maximalgeschwindigkeit von 7 Knoten, bzw. 13km/h.

  • Die Antriebskraft, die man für Maximal-, bzw. Rumpfgeschwindigkeit braucht, liegt bei ca. 4kw/t. Bei unseren 3t sind das also 12kw=16.32 PS → Wir sind mit 15 PS fast ideal motorisiert.

Soweit der Plan und in spätestens 4 Wochen seht Ihr das Ergebnis!

Nadja